Warum die Zukunft denen gehört, die Beziehungen pflegen

Künstliche Intelligenz verändert, wie wir arbeiten, kommunizieren und uns präsentieren. Professionelle Bewerbungen, überzeugende LinkedIn-Profile und gut formulierte Unternehmenswebsites lassen sich heute mit wenigen Klicks erstellen. Doch wenn sich immer mehr Menschen und Unternehmen nach außen ähnlich professionell darstellen können, stellt sich eine interessante Frage: Woran erkennen wir künftig eigentlich noch, mit wem wir zusammenarbeiten möchten?

Meine These: Persönliche Beziehungen werden in den kommenden Jahren erheblich an Bedeutung gewinnen. Für unsere beruflichen Chancen, die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und nicht zuletzt für unser persönliches Wohlbefinden.

Wenn alle professionell wirken, wird Persönlichkeit zum Unterscheidungsmerkmal

Noch vor wenigen Jahren konnte ein überzeugend formulierter Text durchaus Rückschlüsse auf die Fähigkeiten eines Menschen zulassen. Heute unterstützt uns KI bei Bewerbungen, LinkedIn-Beiträgen und Unternehmenspräsentationen. Das eröffnet großartige Möglichkeiten, führt aber möglicherweise auch zu einer gewissen Vereinheitlichung unserer Außendarstellung.

Die tatsächlichen Unterschiede zwischen Menschen und Organisationen werden dadurch nicht kleiner. Sie sind möglicherweise nur schwerer zu erkennen.

Umso wichtiger könnte künftig werden, was wir persönlich voneinander erleben: Wie denkt jemand? Wie geht die Person mit anderen Meinungen um? Welche Fragen stellt sie? Wie verhält sie sich, wenn etwas nicht nach Plan läuft?

Persönlichkeit zeigt sich besonders deutlich in der Begegnung mit anderen Menschen.

Berufliche Chancen entstehen auch durch Beziehungen

Seit einigen Jahren begleite ich ein Unternehmen dabei, seine dual Studierenden in den ersten Berufsjahren in ihrer persönlichen und sozialen Entwicklung zu unterstützen. In einem begleitenden Programm beschäftigen wir uns mit zentralen Kompetenzen der Zusammenarbeit: Feedback geben und annehmen, Teamdynamiken verstehen, Verantwortung übernehmen, sich selbst positionieren und eben auch Netzwerke aufbauen.

Da ich schon lange mit diesem Unternehmen zusammenarbeite, begegne ich manchen der ehemaligen Teilnehmenden einige Jahre später wieder. Dann haben sie ihr Studium abgeschlossen, erste berufliche Erfahrungen gesammelt und teilweise bereits erstaunliche Entwicklungsschritte innerhalb der Organisation gemacht.

Was ich dabei immer wieder faszinierend finde: Einige dieser jungen Menschen waren schon während ihres dualen Studiums ausgesprochen gut darin, Beziehungen aufzubauen. Sie gingen mit Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Abteilungen zum Mittagessen, engagierten sich bei jahrgangsübergreifenden Treffen und waren auch in der Kaffeeküche präsent, interessiert und ansprechbar.

Über die Jahre haben sie sich auf diese Weise tief in der Organisation verankert. Sie kennen Menschen aus unterschiedlichen Bereichen, verstehen Zusammenhänge und sind selbst vielen Kolleginnen und Kollegen bekannt.

Natürlich sind diese Menschen auch fachlich kompetent und engagiert. Ihre berufliche Entwicklung lässt sich nicht allein auf ihre Netzwerke zurückführen. Aber ich beobachte, wie wertvoll diese Beziehungen für ihre Positionierung innerhalb des Unternehmens sein können.

Wer gut vernetzt ist, wird wahrgenommen, bekommt unterschiedliche Perspektiven mit und kann leichter über den eigenen Aufgabenbereich hinaus wirksam werden.

Gerade für junge Menschen am Beginn ihrer Karriere liegt darin eine wichtige Erkenntnis: Berufliche Entwicklung findet nicht ausschließlich über fachliche Leistung statt. Sie entsteht auch durch Begegnungen, gemeinsame Erfahrungen und das Vertrauen, das wir im Laufe der Zeit aufbauen.

Auch Unternehmen profitieren von tragfähigen Beziehungen

Was für einzelne Menschen gilt, lässt sich auch auf Unternehmen übertragen. Wenn KI überzeugende Angebote, Präsentationen und Leistungsbeschreibungen ermöglicht, könnten persönliche Empfehlungen und bestehende Geschäftsbeziehungen bei der Auswahl von Kooperationspartnern noch wichtiger werden.

Wer mit einem Dienstleister bereits eine schwierige Projektphase gemeistert hat, weiß, welchen Wert gegenseitiges Vertrauen besitzt. Man kennt die Arbeitsweise des Gegenübers und hat erlebt, wie mit Unsicherheiten oder Konflikten umgegangen wird.

Solche Erfahrungen lassen sich durch eine professionelle Website kaum ersetzen. Beziehungen zu pflegen, ist deshalb auch für Unternehmen eine Investition in ihre Zukunft.

Wir Menschen brauchen Beziehungen – auch jenseits unserer Karriere

Bei all den beruflichen Überlegungen sollten wir einen grundlegenden Aspekt nicht vergessen: Der Mensch ist ein soziales Wesen.

Wir möchten dazugehören, uns austauschen, verstanden werden und unsere Erfahrungen mit anderen teilen. Beziehungen geben uns Orientierung und ermöglichen es uns, unsere eigene Sichtweise zu hinterfragen.

Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Unsicherheit und zunehmender Veränderungen gewinnen tragfähige Beziehungen eine besondere Bedeutung. Freundschaften, familiäre Bindungen und andere vertraute Kontakte können uns emotional stabilisieren und helfen, schwierige Lebensphasen zu bewältigen.

Dabei geht es um mehr als die Anzahl unserer Kontakte. Entscheidend ist die Qualität unserer Beziehungen: Können wir offen sprechen? Dürfen wir Zweifel zeigen? Gibt es Menschen, auf die wir uns verlassen können?

Ein tragfähiges Netzwerk ist deshalb nicht nur eine berufliche Ressource, sondern auch ein wichtiger Bestandteil unserer psychischen Gesundheit.

Und wie jede gute Beziehung braucht auch dieses Netzwerk Aufmerksamkeit. Vertrauen entsteht und wächst durch gemeinsame Erfahrungen, gegenseitiges Interesse und die Bereitschaft, füreinander Zeit aufzubringen.

Fünf Anregungen, um Beziehungen bewusst zu stärken

Ein tragfähiges Netzwerk aufzubauen, erfordert weder außergewöhnliches Kommunikationstalent noch einen überfüllten Veranstaltungskalender. Oft beginnt es mit kleinen Veränderungen im Alltag:

1. Interessiere dich für Menschen, nicht nur für ihre Funktion

Wer ausschließlich überlegt, welche Kontakte beruflich nützlich sein könnten, verpasst möglicherweise die interessantesten Begegnungen. Frage lieber, was dein Gegenüber beschäftigt und welche Perspektiven die Person mitbringt. Echtes Interesse schafft eine andere Gesprächsqualität als der routinierte Austausch von Visitenkarten.

2. Suche bewusst den Austausch außerhalb deiner gewohnten Kreise

Kontakte aus anderen Abteilungen, Branchen, Generationen oder Lebenswelten können helfen, eigene Annahmen zu hinterfragen und neue Ideen zu entwickeln. Nutze Gelegenheiten, Menschen kennenzulernen, mit denen du im Alltag sonst wenig Berührungspunkte hast.

3. Pflege bestehende Kontakte, bevor du sie brauchst

Wann hast du zuletzt jemanden kontaktiert, einfach weil du wissen wolltest, wie es der Person geht? Beziehungen leben von Kontinuität. Eine kurze Nachricht, ein gemeinsamer Kaffee oder ein ehrliches Nachfragen können viel bewirken.

4. Zeige dich als Mensch – auch mit offenen Fragen

Wer ausschließlich Erfolge präsentiert und auf jede Frage eine perfekte Antwort hat, bleibt für andere manchmal erstaunlich wenig greifbar. Gerade das Teilen von Unsicherheiten, Erfahrungen und persönlichen Lernprozessen ermöglicht häufig tiefere Gespräche.

5. Schaffe dir bewusst Raum für Begegnungen

Plane Zeit für persönliche Gespräche ein. Besuche Veranstaltungen, beteilige dich an Netzwerken oder verabrede dich mit Menschen, die du länger nicht gesehen hast. Frage dich gelegentlich, ob deine Zeitverteilung tatsächlich widerspiegelt, welche Beziehungen dir wichtig sind.

Vielleicht wird unsere soziale Kompetenz zur wichtigsten Zukunftskompetenz

KI wird uns künftig vermutlich noch mehr Aufgaben abnehmen, Informationen zugänglich machen und Arbeitsprozesse vereinfachen. Gerade deshalb lohnt sich die Frage, welchen Fähigkeiten wir als Menschen besondere Aufmerksamkeit schenken sollten.

Die Fähigkeit, Beziehungen aufzubauen und zu gestalten, gehört aus meiner Sicht unbedingt dazu.

Denn Vertrauen entsteht durch Erfahrungen miteinander. Gute Zusammenarbeit braucht gegenseitiges Verständnis. Und persönliche Entwicklung gelingt häufig besonders gut im Austausch mit anderen Menschen.

Vielleicht sollten wir Netzwerken deshalb künftig weniger als zusätzliche Aktivität im ohnehin vollen Kalender betrachten, sondern als einen selbstverständlichen Bestandteil unserer beruflichen und persönlichen Entwicklung.

Bei konteam sind wir überzeugt, dass persönliche Entwicklung besonders durch den Austausch unterschiedlicher Perspektiven entsteht. Deshalb schaffen wir in unseren Entwicklungsprogrammen, Coachings und Netzwerkveranstaltungen bewusst Räume für Begegnungen, Reflexion und gemeinsames Lernen.

Du möchtest dich beruflich weiterentwickeln und dabei von den Erfahrungen anderer profitieren? Erfahre mehr über unsere Fahrgemeinschaft Führung und die Möglichkeit, dich über einen längeren Zeitraum mit Menschen aus unterschiedlichen Unternehmen auszutauschen.

Über den Autor / die Autorin

Tamara Trommer

Gelernte Kommunikationswissenschaftlerin, Systemische Beraterin und Führungskräfteentwicklerin