Im Rahmen eines P-Seminars plante und organisierte die 11. Klasse des Carl-von-Linde-Gymnasiums in Kempten selbstständig eine gemeinsame Segelfahrt. Über viele Monate hinweg mussten die Schülerinnen und Schüler Aufgaben verteilen, Entscheidungen treffen, Sponsoren gewinnen, die Verpflegung planen und schließlich mehrere Tage auf engem Raum miteinander verbringen.
Das Ziel eines P-Seminars geht dabei weit über die Umsetzung eines Projekts hinaus: Die Jugendlichen sollen praktische und zwischenmenschliche Kompetenzen entwickeln, Verantwortung übernehmen und erleben, wie Zusammenarbeit tatsächlich funktioniert.
Als wir für eine finanzielle Unterstützung der Segelfahrt angefragt wurden, wollten wir deshalb nicht nur Geld geben. Ergänzend boten wir der Klasse einen Pro-bono-Workshop an, in dem wir den Blick auf Teamdynamiken, unterschiedliche Verhaltenspräferenzen und die Zusammenarbeit unter Druck richteten.
Nach der Rückkehr haben wir mit einigen der Jugendlichen darüber gesprochen, was ihnen während des Projekts geholfen hat – und was sie über Teamarbeit gelernt haben.
Gute Vorbereitung schafft Orientierung
Ein wichtiger Erfolgsfaktor war die frühzeitige und detaillierte Planung. Für das Kochen, Aufdecken und Abspülen gab es beispielsweise einen festen Plan. Alle wussten, wann sie für welche Aufgabe verantwortlich waren.
Dadurch mussten Zuständigkeiten nicht jeden Tag neu ausgehandelt werden. Die klaren Absprachen schufen Verlässlichkeit und verhinderten, dass unangenehme Aufgaben immer wieder bei denselben Personen landeten.
Gerade in selbstorganisierten Teams zeigt sich: Klare Strukturen schränken nicht ein. Sie entlasten und schaffen Raum, um sich auf die eigentliche Aufgabe zu konzentrieren.
Selbstorganisation braucht Flexibilität
Trotz aller Vorbereitung lief natürlich nicht alles wie geplant. Auf dem Meer konnten Herd und Backofen nur eingeschränkt genutzt werden. Der Essensplan musste kurzfristig angepasst und weitere Lebensmittel mussten eingekauft werden.
Das verantwortliche Team reagierte pragmatisch, traf Entscheidungen und organisierte um. Gleichzeitig trug die restliche Gruppe diese Entscheidungen mit.
Auch das ist ein wichtiger Teil guter Projektarbeit: Verantwortung zu übertragen bedeutet, den Verantwortlichen tatsächlich zuzutrauen, auf neue Situationen zu reagieren – und nicht jede Entscheidung anschließend erneut in der gesamten Gruppe auszuhandeln.
Arbeit ist nicht immer gleich verteilt
In der Vorbereitung wurde außerdem sichtbar, dass vermeintlich gleichwertige Aufgaben sehr unterschiedlich aufwendig sein können.
Ein Schüler hatte sich für das Sponsoring entschieden und fast 60 Unternehmen angeschrieben. Neben den ersten Anfragen entstanden viele Rückfragen und weitere Abstimmungen. Erst spät wurde deutlich, wie umfangreich die Aufgabe tatsächlich war.
Die Erfahrung zeigt: Aufgaben sollten nicht nur nach Interessen verteilt werden. Teams sollten auch regelmäßig überprüfen, wie hoch der tatsächliche Aufwand ist und ob einzelne Personen deutlich stärker belastet sind als andere.
Je früher solche Unterschiede angesprochen werden, desto leichter kann die Gruppe reagieren.
Unterschiedlichkeit muss nicht zum Konflikt werden
Auf dem Boot kamen Enge, Hitze und Erschöpfung hinzu. Es gab gereizte Momente, aber kaum länger anhaltende Konflikte.
Die Jugendlichen kannten sich bereits gut. Im Workshop hatten sie zusätzlich reflektiert, wie unterschiedlich Menschen reagieren, wenn sie unter Druck geraten: Manche suchen den Austausch, andere ziehen sich kurz zurück. Manche wollen schnell handeln, andere erst einmal beobachten.
Dieses Wissen half dabei, Verhalten weniger persönlich zu nehmen. Nicht jede gereizte Reaktion wurde sofort als grundsätzlicher Konflikt bewertet.
Für Teams ist das eine wichtige Fähigkeit: wahrzunehmen, wann tatsächlich etwas geklärt werden muss – und wann jemand schlicht müde, gestresst oder überfordert ist.
Verantwortung ermöglichen, statt sofort einzugreifen
Auch die begleitenden Lehrkräfte nahmen während der Reise bewusst eine andere Rolle ein. Sie waren präsent und trugen die Verantwortung für den Rahmen, griffen aber nicht unmittelbar in die Organisation des Alltags ein.
Die Jugendlichen sollten selbst kochen, Aufgaben verteilen und Schwierigkeiten miteinander klären.
Damit ermöglichten die Lehrkräfte echte Verantwortungsübernahme. Denn Selbstorganisation entsteht nicht, wenn Erwachsene jede Unsicherheit sofort auflösen. Sie entsteht dort, wo ein verlässlicher Rahmen besteht und die Gruppe innerhalb dieses Rahmens eigene Lösungen entwickeln darf.
Was Teams aus dem Projekt mitnehmen können
Die Segelfahrt zeigt sehr anschaulich, worauf es bei gemeinsamer Projektarbeit ankommt:
Klare Zuständigkeiten geben Orientierung. Verantwortung braucht Entscheidungsspielraum. Belastungen sollten frühzeitig sichtbar gemacht werden. Unterschiedliche Verhaltensweisen müssen nicht automatisch zu Konflikten führen. Und Selbstorganisation gelingt besonders dann, wenn der Rahmen klar ist, ohne jede Handlung vorzugeben.
Die Jugendlichen haben nicht nur eine Segelfahrt organisiert. Sie haben erlebt, was es bedeutet, gemeinsam ein Projekt zu tragen – mit allem, was gute Teamarbeit ausmacht: Planung, Verbindlichkeit, Flexibilität, gegenseitige Rücksichtnahme und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.
