Weibliche Führung braucht mehr als Selbstbewusstsein

Geschrieben von Tamara Trommer | Jun 30, 2026 12:18:32 PM

Frauen in Führung bewegen sich häufig in einem Spannungsfeld: Sie sollen klar entscheiden, souverän auftreten und durchsetzungsstark sein. Gleichzeitig wirken gesellschaftliche Erwartungen weiter, nach denen Frauen freundlich, ausgleichend und möglichst unkompliziert sein sollen.

Genau dieses Spannungsfeld stand im Mittelpunkt unseres zweiten Netzwerktreffens „Frauen in Führung“ am 19. Juni 2026 in Unterschwarzenberg. Im gemeinsamen Austausch wurde deutlich: Authentische Führung ist keine rein individuelle Frage. Sie entsteht dort, wo persönliche Klarheit auf organisationale Rahmenbedingungen trifft, die Vielfalt und Gleichberechtigung wirklich ermöglichen.

Das Double-Bind-Dilemma: kompetent oder sympathisch?

Ein zentrales Thema war das sogenannte Double Bind: Frauen in Führung werden häufig entweder als kompetent, aber zu hart wahrgenommen – oder als sympathisch, aber weniger durchsetzungsstark. Was bei Männern als klar, entschieden oder präsent gilt, wird bei Frauen schneller als unangenehm, dominant oder „zu viel“ bewertet.

Das Problem liegt dabei nicht bei einzelnen Frauen. Es entsteht durch Erwartungen, die widersprüchlich sind: Frauen sollen führen, aber dabei möglichst nicht mit gängigen Rollenbildern brechen.

Warum Selbstoptimierung nicht reicht

In vielen Diskussionen über Frauen in Führung geht es darum, dass Frauen mutiger auftreten, sichtbarer werden oder besser verhandeln sollen. Das ist wichtig – greift aber zu kurz.

Denn wenn Strukturen, Meetingkulturen oder Beförderungslogiken unverändert bleiben, wird die Verantwortung einseitig bei den Frauen abgeladen. Im Austausch wurde deshalb deutlich: Es braucht nicht nur individuelle Entwicklung, sondern systemische Veränderung. Dazu gehört zum Beispiel, Ideen in Meetings sichtbar zu dokumentieren, damit Beiträge nicht untergehen oder erst dann gehört werden, wenn sie von anderen wiederholt werden.

Vereinbarkeit und doppelte Maßstäbe

Auch das Thema Vereinbarkeit wurde intensiv diskutiert. Frauen werden im beruflichen Kontext häufig stärker über Familie, Mutterrolle oder Care-Arbeit wahrgenommen. Bei Männern ist das deutlich seltener der Fall.

Gleichzeitig zeigen positive Beispiele, dass andere Modelle möglich sind: Beförderung während der Schwangerschaft, Führung in Teilzeit oder Jobsharing können zeigen, dass Karriere und Sorgeverantwortung kein Widerspruch sein müssen. Entscheidend ist, ob Organisationen solche Modelle nicht als Ausnahme, sondern als legitime Führungsrealität behandeln.

Authentizität braucht einen Rahmen

Authentisch zu führen bedeutet nicht, immer spontan „ganz man selbst“ zu sein. Es bedeutet, die eigenen Werte, Bedürfnisse und Grenzen ernst zu nehmen – und trotzdem handlungsfähig im System zu bleiben.

Dazu gehört auch, Grenzen klar zu benennen: etwa bei Arbeitszeiten, Reisetätigkeit oder Erwartungen an ständige Verfügbarkeit. Ebenso wichtig ist es, Schuldgefühle kritisch zu hinterfragen. Nicht jedes schlechte Gewissen ist ein persönliches Problem. Manchmal zeigt es vor allem, wie stark soziale Erwartungen wirken.

Netzwerke machen neue Normalität sichtbar

Ein wichtiger Impuls des Vormittags war: Veränderung entsteht auch dadurch, dass Frauen sich gegenseitig stärken, Erfahrungen teilen und neue Bilder von Führung sichtbar machen.

Netzwerke schaffen Räume, in denen nicht jede Frau ihre Erfahrungen allein einordnen muss. Sie machen sichtbar: Viele Herausforderungen sind nicht individuell, sondern strukturell. Und genau darin liegt ihre Kraft.

Fazit

Weibliche Führung braucht mehr als Mut und Selbstbewusstsein. Sie braucht Organisationen, die ihre eigenen Erwartungen, Routinen und Bewertungskriterien hinterfragen.

Authentische Führung gelingt dort, wo Frauen ihre eigenen Bedürfnisse ernst nehmen können – und wo Strukturen entstehen, in denen Gleichberechtigung nicht Ausnahme, sondern Normalität ist. 

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