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Unternehmensnachfolge: Wann ist der richtige Zeitpunkt, die Kinder einzubeziehen?

Geschrieben von Thomas Hengge | Aug 27, 2026, 6:28:00 PM

„Für die Nachfolge ist es noch zu früh. Meine Kinder müssen erst einmal ihren eigenen Weg gehen.“

Dieser Gedanke ist verständlich. Kein Unternehmer möchte seinen Kindern eine Rolle aufdrängen. Und solange man selbst gesund ist, Freude am Unternehmen hat und wichtige Entscheidungen zuverlässig trifft, scheint kein unmittelbarer Handlungsdruck zu bestehen.

Doch die entscheidende Frage lautet nicht erst: Wann soll ich das Unternehmen übergeben?
Sie lautet viel früher: Wann beginnen wir als Familie, offen über mögliche Zukünfte zu sprechen?
Die kurze Antwort ist: eher früher als später.

Nicht, weil die Nachfolge möglichst schnell festgelegt werden sollte. Sondern weil eine tragfähige Nachfolge kein einzelner Rechtsakt ist. Sie ist ein Entwicklungsprozess, in dem sich Menschen, Beziehungen, Rollen, Entscheidungswege und Eigentumsverhältnisse verändern. In einem Familienunternehmen betrifft dieser Prozess drei eng verbundene Systeme: Familie, Unternehmen und Eigentum.

Jedes dieser Systeme folgt einer eigenen Logik. Und keines lässt sich auf Knopfdruck umstellen.

Die Übergabe ist ein Termin – Nachfolge ist ein Prozess

Viele Unternehmer denken bei Nachfolge zunächst an einen Zeitpunkt: das 60. oder 65. Lebensjahr, den Verkauf von Anteilen, die Bestellung zur Geschäftsführung oder den Eintrag beim Notar.
Diese Termine sind wichtig. Sie markieren Entscheidungen. Sie erzeugen aber noch keine gelungene Nachfolge.

Ein Sohn kann Anteile besitzen, ohne als Unternehmer gewachsen zu sein. Eine Tochter kann Geschäftsführerin heißen, ohne im Unternehmen ausreichend Akzeptanz und Entscheidungsraum zu haben. Der Senior kann formal ausgeschieden sein und trotzdem jede wichtige Entscheidung beeinflussen. Geschwister können rechtlich gleichgestellt sein, aber sehr unterschiedliche Erwartungen an Verantwortung, Ausschüttung und Risiko haben.

Die eigentliche Nachfolge beginnt deshalb lange vor der formalen Übertragung. Sie beginnt dort, wo die Beteiligten ihre Vorstellungen aussprechen, Unterschiede sichtbar werden und neue Rollen erprobt werden können.

Drei verbundene Systeme im Familienunternehmen

Das in Forschung und Praxis etablierte Drei-Kreis-Modell unterscheidet Familie, Unternehmen und Eigentum. Die systemische Betrachtung, wie sie unter anderem Fritz B. Simon für Familienunternehmen ausgearbeitet hat, macht deutlich: Familie und Unternehmen besitzen unterschiedliche Eigenlogiken und beeinflussen sich dennoch fortlaufend. Die Eigentumsdimension bringt zusätzliche Rechte, Risiken und Erwartungen ins Spiel.

1. Das System Familie

In der Familie zählen Zugehörigkeit, Beziehung, Loyalität und Gerechtigkeit. Kinder bleiben Kinder – auch wenn sie 40 Jahre alt sind und einen Geschäftsbereich führen. Alte Rollen und Erfahrungen wirken in sachliche Gespräche hinein. Eltern wollen schützen, Geschwister vergleichen sich und unausgesprochene Erwartungen können Entscheidungen stärker prägen als ein Organigramm.

Typische Fragen sind:
•    Möchte eines der Kinder das Unternehmen überhaupt übernehmen?
•    Darf ein Kind Nein sagen, ohne die Familie zu enttäuschen?
•    Was bedeutet Gerechtigkeit, wenn nur ein Kind im Unternehmen arbeitet?
•    Wie sprechen wir über Leistung, Eignung und Verantwortung, ohne Beziehungen zu beschädigen?
•    Welche Rolle haben Partnerinnen und Partner der Familienmitglieder?

Solche Fragen brauchen Vertrauen und wiederholte Gespräche. Sie lassen sich selten an einem Wochenende abschließend klären.

2. Das System Unternehmen

Im Unternehmen gelten andere Maßstäbe: Kompetenz, Leistung, Verantwortung, Marktanforderungen, Entscheidungsfähigkeit und wirtschaftlicher Erfolg.
Hier geht es nicht darum, wer zur Familie gehört, sondern wer welche Aufgabe wirksam erfüllen kann.

Typische Fragen sind:
•    Welche Kompetenzen braucht die zukünftige Geschäftsführung?
•    Welche Erfahrungen sollte die nächste Generation außerhalb des Familienunternehmens sammeln?
•    Wie gewinnt ein Nachfolger Akzeptanz bei Mitarbeitenden, Kunden und Führungskräften?
•    Welche Verantwortung kann schrittweise übertragen werden?
•    Braucht das Unternehmen eine familienexterne Geschäftsführung oder eine stärkere zweite Führungsebene?

Unternehmerische Kompetenz entsteht durch reale Verantwortung, Entscheidungen und auch durch Fehler. Wer erst kurz vor der Übergabe damit beginnt, kann diesen Lernweg kaum nachholen.

3. Das System Eigentum

Eigentum bedeutet Rechte, Pflichten, Risiko und Vermögen. Wer Anteile übernimmt, entscheidet möglicherweise über Investitionen, Ausschüttungen, Verkauf oder Verschuldung – auch wenn diese Person nicht operativ im Unternehmen tätig ist.

Typische Fragen sind:
•    Wer soll künftig Eigentümer oder Eigentümerin sein?
•    Sollen alle Kinder Anteile erhalten oder nur diejenigen, die im Unternehmen Verantwortung übernehmen?
•    Wie werden Stimmrechte und wirtschaftliche Beteiligung gestaltet?
•    Welche Erwartungen bestehen an Ausschüttungen und Reinvestitionen?
•    Wie bleiben Unternehmen und Familie auch in Krisen handlungsfähig?

Diese Entscheidungen verlangen rechtliche und steuerliche Gestaltung. Vor allem benötigen sie aber ein gemeinsames Verständnis davon, was Eigentum in dieser Familie bedeuten soll.

Warum die drei Systeme Zeit brauchen

Die Systeme verändern sich nicht im gleichen Tempo.
Vielleicht ist das Unternehmen bereit, Verantwortung zu übertragen, während ein Kind noch nicht weiß, ob es dauerhaft einsteigen möchte. Vielleicht besteht in der Familie Einigkeit, aber die künftige Eigentumsstruktur ist ungeklärt. Oder die Anteile sind steuerlich sinnvoll übertragen, während der Senior operativ weiterhin jede Entscheidung an sich zieht.
Genau hier entstehen viele Nachfolgekonflikte: Eine Lösung ist in einem System plausibel, erzeugt aber in einem anderen neue Spannungen.
Beispielsweise kann es sich innerhalb der Familie gerecht anfühlen, alle Kinder zu gleichen Teilen zu beteiligen. Im Unternehmen kann eine paritätische Entscheidungssituation jedoch die Handlungsfähigkeit gefährden. Umgekehrt kann die Übertragung an nur ein Kind unternehmerisch klar sein, familiär aber als Bevorzugung erlebt werden.
Eine tragfähige Lösung muss deshalb immer wieder aus allen drei Perspektiven betrachtet werden:

•    Was bedeutet diese Entscheidung für die Familie?
•    Was braucht das Unternehmen?
•    Welche Folgen entstehen für Eigentum, Risiko und Entscheidungsrechte?

Das braucht Zeit – nicht, weil Familienunternehmen unnötig kompliziert wären, sondern weil mehrere berechtigte Logiken miteinander verbunden werden müssen.

Warum Abwarten die Möglichkeiten verkleinert

Wer früh beginnt, hat Alternativen. Wer erst unter Zeitdruck beginnt, muss häufig nehmen, was noch möglich ist.
Gesundheitliche Ereignisse, Konflikte, Marktveränderungen oder der unerwartete Ausstieg eines Kindes können aus einer offenen Entwicklungsfrage plötzlich eine Notfallentscheidung machen. Dann fehlt der Raum, Rollen zu erproben, externe Erfahrung zu sammeln oder eine andere Führungsstruktur aufzubauen.
Auch für den Unternehmer selbst braucht der Übergang Zeit. Nach Jahrzehnten an der Spitze ist das Unternehmen meist mehr als eine wirtschaftliche Aufgabe. Es ist Lebensleistung, Identität, sozialer Mittelpunkt und Beweis der eigenen Wirksamkeit.
Loslassen betrifft daher nicht nur Unterschriften und Zuständigkeiten. Es betrifft Fragen wie:

•    Wofür werde ich künftig gebraucht?
•    Was passiert, wenn meine Kinder anders entscheiden als ich?
•    Wie viel Einfluss möchte und darf ich behalten?
•    Kann ich zusehen, wenn die nächste Generation eigene Fehler macht?
•    Welche Aufgabe gibt mir nach der operativen Verantwortung Sinn?
Auch dieser persönliche Entwicklungsprozess lässt sich nicht auf den Tag der Übergabe verschieben.

Früh beginnen heißt nicht früh festlegen

Viele Unternehmer vermeiden das Gespräch, weil sie ihre Kinder nicht unter Druck setzen wollen. Das ist nachvollziehbar – beruht aber auf einer falschen Alternative.
Es gibt mehr Möglichkeiten als Schweigen oder sofortige Festlegung.
Ein früher Beginn kann bedeuten:

•    Interesse und Erwartungen offen anzusprechen,
•    den Kindern ausdrücklich ein echtes Nein zu ermöglichen,
•    unterschiedliche Zukunftsbilder zu entwickeln,
•    Kriterien für einen möglichen Einstieg zu vereinbaren,
•    Erfahrungen außerhalb des Familienunternehmens zu fördern,
•    zeitlich begrenzte Projekte oder Verantwortungsbereiche zu übertragen,
•    über Eigentum unabhängig von operativer Führung nachzudenken,
•    regelmäßig als Familie über die Entwicklung zu sprechen.

Frühe Gespräche schließen die Zukunft nicht. Sie halten mehr Zukunftswege offen.
Sieben Fragen, mit denen Sie als Familienunternehmer:in heute beginnen können
Sie müssen noch keinen Nachfolgeplan auf den Tisch legen. Ein erster Schritt kann darin bestehen, die richtigen Fragen zu stellen:

1.    Was wünschen sich meine Kinder – unabhängig von meinen Erwartungen?
2.    Welche Rolle könnte zu wem passen: operative Führung, Eigentum, Mitarbeit oder keine Beteiligung?
3.    Welche Entwicklungsschritte wären notwendig, bevor jemand echte Unternehmensverantwortung übernimmt?
4.    Was braucht unser Unternehmen in fünf bis zehn Jahren – unabhängig von der Familienzugehörigkeit?
5.    Was verstehen wir als Familie unter einer gerechten Lösung?
6.    Welche Verantwortung bin ich heute schon bereit abzugeben – und welche noch nicht?
7.    Wie gestalten wir Gespräche, in denen auch Zweifel, Unterschiede und ein Nein ausgesprochen werden dürfen?

Die Antworten müssen nicht sofort übereinstimmen. Entscheidend ist, dass die Unterschiede früh sichtbar werden, solange noch Zeit besteht, mit ihnen zu arbeiten.

Fazit: Der beste Zeitpunkt ist vor dem Zeitdruck

Den einen perfekten Zeitpunkt für Unternehmensnachfolge gibt es nicht. Es gibt aber einen ungünstigen: wenn Gesundheit, Alter, Konflikte oder wirtschaftlicher Druck die Entscheidung erzwingen.

Gute Nachfolge beginnt deshalb eher früher als später. Nicht mit fertigen Verträgen, sondern mit einem gemeinsamen Lern- und Klärungsprozess.
Die Familie muss neue Beziehungen und Rollen entwickeln. Das Unternehmen muss Verantwortung, Kompetenz und Akzeptanz aufbauen. Die Eigentümer müssen Entscheidungsrechte, Risiko und wirtschaftliche Erwartungen klären. Und der bisherige Unternehmer braucht Raum, eine neue Rolle zu finden.

Wer rechtzeitig beginnt, muss noch nichts endgültig entscheiden. Aber er schafft die Voraussetzung dafür, später wirklich entscheiden zu können.

Nachfolge gemeinsam sortieren

Sie möchten über die Zukunft Ihres Familienunternehmens sprechen, ohne Ihre Kinder vorschnell festzulegen? In unserer Nachfolgeberatung und der Fahrgemeinschaft Nachfolge schaffen wir einen strukturierten Rahmen, in dem Familie, Unternehmen und Eigentum gemeinsam betrachtet werden können.
Der erste Schritt ist nicht die Übergabe. Der erste Schritt ist ein Gespräch, in dem die richtigen Fragen auf den Tisch kommen.

 

Fachliche Grundlage
•    Fritz B. Simon (Hrsg.): Die Familie des Familienunternehmens. Carl-Auer.
•    WIFU-Stiftung: Das Drei-Kreis-Modell (WIFU kompakt 35, 2023).

 
Bild: KI-generiert mit ChatGPT (OpenAI); Konzeption und redaktionelle Bearbeitung: konteam. Dargestellte Personen und Situation sind fiktiv.